Gender-Medizin: Neues zur Aortenaneurysma-Therapie

Eine aktuelle Studie des Wilhelminenspitals Wien zeigt, dass das Risiko für Frauen, nach einer Operation eines komplexen Aortenaneurysmas an einem Herzinfarkt zu versterben, wesentlich höher ist als bei Männern (Frauen 10%, Männer 1,05%). Selbst bei einfachen, nicht komplexen Aneurysmen weisen Frauen ein erhöhtes Risiko für Gefäßverletzungen wie Probleme mit der Nierenfunktion sowie ein erhöhtes Sterberisiko nach der OP auf. Der Krankenhausaufenthalt ist bei Frauen ebenfalls deutlich länger als bei Männern. Die Gefäßspezialisten schließen nun daraus, dass Frauen vor einer Behandlung des Aortenaneurysmas noch genauer auf Herzschäden untersucht werden müssen, um während oder nach der Operation einen Herzinfarkt zu vermeiden.  Die Ergebnisse dieser Studie stellen weltweit die größte Serie dar, in der geschlechtsspezifische Outcomes für fenestrierte Aortenendoprothesen untersucht wurden.

 

Wien, November 2018– Die Aorta ist die größte Schlagader im Körper und hat im Bauchraum normalerweise einen Durchmesser von 1,5 bis 2cm. Bei einem Aortenaneurysma handelt es sich um eine krankhafte Aussackung der Arterienwand, bei der es auf Dauer zum Platzen (Ruptur) des Gefäßes kommen kann. In den meisten Fällen verläuft diese Ruptur tödlich. Ein erster wesentlicher Unterschied in der Behandlung ist, dass ein Aortenaneurysma bei Männern in der Regel ab 5,5cm behandelt werden sollte, bei Frauen aufgrund ihrer zarteren Gefäße bereits bei 5cm. Es gibt zwei Operationsmöglichkeiten: Die Aorta kann offen über einen Bauchschnitt durch eine Gefäßprothese (aus Polyester oder ePTFE „Goretex“) „ersetzt“ werden. Eine andere Möglichkeit ist die „Schienung“ des Gefäßes von innen mittels ummantelter Stents (Stentgrafts). Dadurch kann der Blutstrom keinen Druck mehr auf die Aortenwand ausüben und die Gefahr des Platzens ist minimiert. Diese „endovaskuläre Behandlung“ ist im Gegensatz zur offenen Operation mit kleinen Schnitten in den Leisten durchführbar. Bei manchen Patienten ist die Erweiterung auf mehrere Abschnitte der Hauptschlagader im Bauch- und/oder Brustraum ausgedehnt. Dann betrifft das sogenannte komplexe Aneurysma auch den Bereich, in dem die Organarterien für die inneren Organe abzweigen. Diese Aneurysmen können von innen mittels individuell für den Patienten angefertigter Stentgrafts behandelt werden. Sie besitzen kleine Löcher/Fenster an den Abzweigungsstellen der Organarterien und werden deshalb auch „gefenstert“ oder „fenestriert“ genannt. Aktuell werden im Wilhelminenspital etwa 40 Patienten pro Jahr mit so einer fenestrierten, sogenannten FEVAR Prothese „Fenestrated Endovascular Aortic Repair“ behandelt.

Patienten, die von einem komplexen Aortenaneurysma betroffen sind, haben in vielen Fällen noch weitere ernsthafte Erkrankungen und hätten bei einer offenen Operation über einen großen Schnitt ein erhebliches Risiko für lebensgefährliche Komplikationen. Gerade für diese Patientengruppe ist die FEVAR eine sinnvolle Alternative.

 

 Patientinnen mit komplexen Aortenaneurysmen brauchen eingehende Herzuntersuchung

Die aktuelle Studie des Wilhelminenspitals Wien hat gezeigt, dass Frauen mit einem komplexen Aortenaneurysma zu einer höheren Sterblichkeit nach der OP und einem erhöhtem Herzinfarktrisiko während und nach der OP neigen. „Dieses Ergebnis ist sehr wichtig, um Frauen in Zukunft sicherer behandeln zu können“, erklärt Prim. PD Dr. Afshin Assadian, Vorstand Gefäßchirurgie Wilhelminenspital Wien und wissenschaftlicher Sprecher des Gefäßforums Österreich. Vor einer solchen Operation erhielten bisher alle Patienten eine standardisierte interne Durchuntersuchung. Auch das Herz wird mittels EKG und Ultraschall und nuklearmedizinischen Methoden untersucht. Ergibt sich ein Hinweis auf Herzkranzgefäßveränderungen wird im Zweifelsfall auch eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt. Als Konsequenz dieser Studie, so Dr. Miriam Kliewer, die Studienautorin, müssen Frauen nun noch intensiver auf solche vorher bestehenden Herzschäden untersucht werden, um einen drohenden Herzinfarkt während oder nach der Operation zu vermeiden.

In einer weiteren laufenden Studie wird zudem untersucht, ob bestimmte Werte im Blut Aufschluss über das mögliche Risiko für herzbedingte Komplikationen geben können. Diese Frage ist noch zu klären.

 

Über die Studie
In der vorliegenden Studie des Wilhelminenspitals Wien wurden 125 Patienten (davon 105 Männer und 20 Frauen) untersucht, ob es bei sogenannten „FEVAR“ Patienten Unterschiede zwischen Mann und Frau während und nach der Operation gibt.

Alle Patienten, die eine FEVAR erhalten hatten, wurden nachbeobachtet. Darunter waren 16% Frauen und 84% Männer. Ausgewertet wurde das Alter, das Vorhandensein von Nebenerkrankungen, ob das Aneurysma erfolgreich behandelt werden konnte, die Länge des stationären Aufenthaltes, technische bzw. Prozedur bedingte Komplikationen und das Risiko innerhalb von 30 Tagen nach der Operation zu versterben.

In fast allen Punkten fand sich kein Unterschied zwischen beiden Geschlechtern, allerdings sind tendenziell mehr Frauen nach der Operation innerhalb von 30 Tagen verstorben als Männer. Dieser Tatsache ging das Team genauer auf den Grund und fand dabei heraus, dass das Risiko für Frauen, nach der Operation an einem Herzinfarkt zu versterben, signifikant höher ist als bei Männern (Frauen 10 % und bei Männern 1,05%).  Die Schlussfolgerung der Studie ist, dass die bisher bei infrarenalen  Aneurysmen sicher und erfolgreich für Männer und Frauen angewandten Untersuchungsalgorithmen bei komplexer Aortenpathologien bei Frauen nicht so sicher vorhersehbare Ergebnisse zeigen wie bei Männern. Bei dieser Patientengruppe müssen neue, detailliertere Untersuchungsabläufe eingeplant werden, um bei Frauen wie Männern vergleichbare Ergebnisse zu erzielen.

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